"Die Vier EvangCellisten"

Cello-Kunst pur in der Selber Stadtkirche

Hanno Riehmann ist der einzige der „Vier EvangCellisten“, der wirklich seinem Namenspatron zu Füßen sitzt: Bei ihrem Konzert in St. Andreas leuchtet schräg über ihm, oben rechts, Johannes als Jünger und (höchstwahrscheinlich) Evangelist aus dem Glasfenster in den Altarraum. Hanno sitzt als zweiter von links im Cello-Quartett zwischen Markus, Mathias und Lukas. Sie sind jung - der älteste ist 35 - und locker. Jedenfalls was die Namensgebung ihres Ensembles, Ansagen und Programm angeht. Sie kommen aus Weimar, Meiningen, Brandenburg, und, ganz rechts, Markus Jung aus Hof.

Unter den zahlreichen Zuhörern sind etliche, die das Musikfestival „Hofer Cellotage“ besucht haben. Es ist ein Baustein der Nachwuchs-Förderung, der sich die vier verschrieben haben. Und die Konzerte, die ebenfalls zu ihren außerdienstlichen Unternehmungen gehören, müssen sie auf den Sommer beschränken, wenn ihre Orchester oder Theater Urlaub machen.

Mit dem Ergreifen ihrer Bögen verfliegt die Lockerheit, da richten sich ihre Antennen nach innen und auf die Kollegen. Da könnte man meinen, es sei ein und derselbe Spieler, der alle Instrumente bedient - die Belohnung dafür, dass sie großenteils dieselben Hochschullehrer hatten und nun schon acht Jahre dies Quartett betreiben. Jedenfalls ziehen sie als erstes den Zuhörer in einen Rausch von synchron gestalteter Musikalität, in den lebendigen Fluss von Anziehen oder Verebben, von Rollenwechsel im Führen oder Begleiten.

Ein „Gebet“ von Udo Hartlmaier, einem zeitgenössischen Komponisten, der original für vier Celli (und für die EvangCellisten) schreibt, hat eine enorme, fast orchestrale Klangfülle; das berühmte Singen des Cellos vervierfacht sich, denn jeder von ihnen kann es, und von jedem wird es auch abgerufen. Die innig weiche Spielweise kontrastieren sie beim nächsten Werk, ihrer Opernliebe frönend, mit der reißend punktierten Habanera aus „Carmen“. Mit dem folgenden und weiteren Arien-Arrangements - aus Carmen, Liebestrank, Tannhäuser, Gianni Schicci, Tosca, Turandot - bewegen sich die Vier im optimalen Rahmen - das Cello wird ja gern mit Vokabeln aus dem sängerischen Bereich bedacht. Und als „Orchester“-Begleitung spielen sie genial große Fülle vor, nicht nur durch ihr eigenes beträchtliches Klangvolumen, sondern auch indem sie mit ausführlichen Tremoli und Springbögen ihre eigenen Töne scheinbar verdoppeln.

Wenn sie sich dem Traditional zuwenden, dann wuchern sie natürlich mit ihrem Pfund des seidigen Klanges, ohne sich sentimental hineinzusteigern, und sie stellen ihn in den Dienst von kunstvollen Arrangements: „Scarborough Fair“ etwa jagen sie, alle ständig heftig arbeitend, durch allerlei Tonarten und (Flageolett)-Lagen. „Genug der traurigen Musik“, sagt danach Moderator Markus Lang, und von da an regiert zu ihrem sichtlichen Vergnügen der Rhythmus, meist südamerikanisch, so wie die „Südamerikanische Suite“, wieder von Hartlmaier.

Nach einem hinreißenden Tango als Zugabe lassen sie das Publikum in der geballten, aber disziplinierten Genuss-Version des Abendliedes schlechthin schwelgen: Alle vier wechseln mit jedem Ton immer akkurat gleichzeitig die Akkorde bei Humperdincks „Abends will ich schlafen gehen“. - für Selb, Der Kirchenbote Nr. 6, Oktober / November 2016